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Mein Blog

Oliver Buslau

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Warum das in Köln ablehnte Stück von Steve Reich nichts mit "Hurz" zu tun hat

In Köln wurde ein Konzert mit dem Werk "Piano Phase" von Steve Reich gestört, so dass der Interpret das Stück abbrechen muste.
Hier einige Links dazu (Kölner Stadt-Anzeiger und Die Welt):

http://www.ksta.de/kultur/konzert-in-der-koelner-philharmonie-abgebrochen--reden-sie-doch-gefaelligst-deutsch---23646344

http://www.ksta.de/kultur/koelner-toleranz--so-debattiert-das-netz-ueber-das-abgebrochene-philharmonie-konzert-23652182

http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article152816333/Beispiel-der-Verrohung-heutiger-Konzertbesucher.html
 
Viele haben sich in den Medien darüber zu Recht empört, doch aus einigen Richtungen kam auch Verständnis, weil das Werk angeblich so modern sei (es ist fast 50 Jahre alt), manche verglichen es sogar mit dem berühmten Hape-Kerkeling-Gag "Hurz".


Warum hat Steve Reichs Werk nichts mit "Hurz" zu tun?

Deshalb: Reichs Werk bezieht sich auf ein extrem bekanntes und anerkanntes Werk von Bach (nicht zufällig wurde in Köln Bach UND Reich gespielt), nämlich auf dieses:

Bach wiederholt eine einzige rhythmische Figur, führt sie aber harmonisch weiter, während Reich eine einzige harmonische Figur wiederholt, die er rhythmisch (eben nicht harmonisch) so raffiniert überlagert, dass allein durch diese Mikrokanons neue, bis dato in der Musik nie gehörte rhythmische Strukturen entstehen, die die Form bilden.

(Bei Bach bildet die Harmonik die Form, also das, was sich verändert. Im berühmten Bolero von Ravel - auch so ein Wiederholungsding, bei dem übrigens in der Uraufführung protestiert wurde - ist es die Klangfarbe, also die Instrumentation). Dass die Harmonik bei Reich gewissermaßen atonal ist und fremd klingt, hat darin seinen Grund: Der Genuss bekannter harmonischer Fortschreitungen soll von diesem Konzept eben nicht ablenken (das ist übrigens bei den Minimalisten Glass und Nyman anders, deswegen sind sie populärer, sie "klingen schöner", während Reich eben zum Denken zwingt).

Und wer mit dem Gegensatz "Gefühl" und "Mathematik" kommt: Das Bach-Stück folgt (harmonisch) auch einer rein mathematischen Formel. Die Basslinie schreitet einmal durch den ganzen Oktavbereich, in dem sich die folgenden Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers (die Sammlung, die das Präludium einleitet) vollziehen werden. DAS ist klassische Musik. Nicht der Vivaldi-Konsum im Hintergrund beim Italiener ...

Hier auch noch der Link zu Reichs Werk:

https://www.youtube.com/watch?v=7P_9hDzG1i0

Am 20.3. gibts wieder meine Sendung "Klassikwelten", ab 16 Uhr live auf www.secondradio.de, einfach zu hören über die Website!

Dort erfährt man so was ...


Der Weg durch den Kontrapunkt: Vierstimmige Fuge

Ich habe hier ja schon mal darüber berichtet, dass ich neben dem Bratschenspiel noch ein anderes musikalisches Interesse habe: die Kunst des Kontrapunkts.

Ich muss gestehen, ich tue mich mit einigen Herausforderungen auf diesem Gebiet ziemlich schwer. Allerdings habe ich nun weitere Fortschritte gemacht, seit ich vor etwa anderthalb Jahren auf ein tolles Lehrbuch gestoßen bin: „Kontrapunkt in Selbststudium und Unterricht“ von Thomas Krämer (der Titel ist gleichzeitig der Link zu Amazon).



Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu den alten Kontrapunktschulen aus meiner Studienzeit (zum Beispiel die von Lemacher-Schröder oder Jeppesen):

Krämer stellt die Kunst des mehrstimmigen Komponierens in den Zusammenhang der Funktionsharmonik. Die Analysen und Aufgaben behandeln verschiedene Stile bis in die Romantik – und natürlich geht es sehr stark auch um den barocken Kontrapunkt. Am faszinierendsten finde ich die Übungen im Bachstil. Krämer präsentiert unter anderem kontrapunktische Sätze des Komponisten mit Lücken, die man dann vervollständigen soll (dabei wird man sofort SEHR demütig!). Und es gibt natürlich Aufgaben für Inventionen und Fugen.

Ich bin mittlerweile bei der vierstimmigen Fuge angelangt. Ein Ergebnis möchte ich hier präsentieren: die Fuge C-Dur, deren Thema von Krämer stammt. Es ist gleichzeitig die Aufgabe 4.B.24 (Seite 322) aus dem Buch.


Ich stelle hier die Partitur (Streicherversion) als PDF ein, und hier eine elektronisch erzeugte MP3-Datei zum Hören (Sound: großes Streichorchester).

Beides ist frei runterladbar und darf gerne verteilt werden. Ich stelle auch gerne Aufführungsmaterial (Stimmen) zur Verfügung. Bei Interesse bitte nachfragen.

Hier meine Vorgehensweise bei der Komposition der Fuge:

Nach einigen Fehlschlägen ist mir klargeworden: Man sollte nicht einfach anfangen und nach und nach das Stück komponieren, „wie es kommt“, sondern erst mal das Thema in verschiedenen Varianten vierstimmig setzen (mit dem Thema als Ober- und als Unterstimme, in Dur und Moll, modulierend und nicht modulierend, auf möglichst verschiedene Weise). Damit hat man schon mal die Gewissheit, dass man die Durchführungen der Fuge auch wirklich hinkriegt.

Dann sucht man sich ein markantes Motiv aus den erschaffenenen Kontrapunkten (oder aus dem Thema) für die Zwischenspiele, die ja unter Umständen themenfrei von einer Tonart in die andere führen sollen. Ich selbst tue mich mit den Zwischenspielen etwas schwer. In meiner Aufgabenlösung gibt es daher kaum themenfreie Abschnitte (eigentlich nur Takt 37 bis 39).

Bei den Vorbereitungen sollte man sich auch überlegen, ob es Möglichkeiten für Engführungen oder andere "Spezialkünste" gibt. Ich habe in diesem Thema keine Chance für eine Engführung gefunden, dafür aber eine Möglichkeit, das Thema mit seiner eigenen Spiegelgestalt zu kombinieren (ab Takt 40 in Violine 1 und Cello), und das ist ja auch schon was.

Viel Spaß beim Hören und Lesen!

 


Ein Klavierstück im Stil von Bach
Seit ich diese neue Website habe, bringe ich die Beiträge, die bisher auf verschiedenen Blogs verteilt waren, an dieser Stelle zusammen. Und in diesem Beitrag hier geht es um das Komponieren - neben dem Schreiben eine große Leidenschaft von mir.

Viele Klavierschüler kennen und üben die zweistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach. Durch ihren kontrapunktischen Stil schulen sie beide Hände. Die Stücke sind aber auch für angehende Komponisten interessant. Es ist eine gute Übung, selbst eine Invention im Bach-Stil zu schreiben.

Hier ein solcher Versuch zum Runterladen:

Eine Invention von mir (in d-Moll) im Stil von Johann Sebastian Bach.

-> Hier die Datei zum Anhören (als MP3).

-> Hier die Noten als PDF zum Runterladen, Ausdrucken und Spielen. 

Leider hat das Programm manche Haltebögen nicht gefressen.
Den endgültigen Anstoß dafür verdanke ich  dem Buch “Kontrapunkt” von Diether de la Motte. Dort wird die Vorgehensweise genauer erläutert.

Ich fasse mal zusammen, wie ich vorgegangen bin:

Man muss zunächst zu einem  markanten Themenkopf eine zweite Stimme im doppelten Kontrapunkt (!) erfinden.
Doppelter Kontrapunkt heißt: Die Stimme kann als Unter- oder Oberstimme verwendet werden. Das ist für den weiteren Verlauf der Invention wichtig. Der doppelte Kontrapunkt gelingt, wenn man die üblichen Regeln einhält, aber zusätzlich (wenn die zweite Stimme Oberstimme ist) Quinten auf den betonten Zeiten vermeidet. Die werden nämlich bei Vertauschung Quarten – und die sind nicht bassfähig,

Dann macht man sich einen Plan: In welchen Tonarten sollen die einzelnen Themendurchführungen erscheinen? Hier sollte man nicht zu kompliziert denken. Eine Parallel- und eine Dominanttonart reicht. Den Schluss bildet dann eine Durchführung in der Grundtonart – mit vertauschten Stimmen. Für all diese Durchführungen benutzt man den Kontrapunkt, den man zu Anfang erfunden hat.

Zwischen den Durchführungen führen kurze Sequenzen in die neuen Tonarten. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Höchstens dreimal die Sequenz laufen lassen, sonst wirds langweilig. Das Motiv der Sequenz nimmt man aus dem Thema oder (raffinierter) aus dem erfundenen Kontrapunkt.
Meine Invention hat ein paar Fehler: Zum Beispiel gefällt es mir nicht, dass die Bassstimme einmal ziemlich weit hinaufgeht. Wenn man das Stück auf dem Klavier spielt, ist das in Ordnung, und die musikalische Logik dürfte auch gewahrt sein, aber ich stelle mir eigentlich beim Schreiben ganz gerne bestimmte Einzelinstrumente vor.

Na ja, vielleicht würde das hier mit Geige und Cello funktionieren …

Demnächst stoße ich in die Dreistimmigkeit vor, und dann kommen weitere Beispiele!