Antonio Vivaldi: Violinkonzerte op.8 Nr.1 - 4
"Die vier Jahreszeiten"
© Oliver Buslau

Wenn es um Antonio Vivaldi geht, scheiden sich die Geister: Etwa vierhundert Konzerte hat der venezianische Barockmeister geschrieben, außerdem über 40 Opern, eine riesige Anzahl Kammermusik und Kirchenwerke. Bei einer solchen Menge sind die Neider nicht weit. "Vivaldi wird sehr überschätzt", sagte zum Beispiel der spätere Kollege Igor Strawinsky. "Er war ein langweiliger Mensch, der ein und dasselbe Konzert eben 400 Mal geschrieben hat."

Sicher - man kann über die Qualität vieler Vivaldi-Kompositionen unterschiedlicher Meinung sein. Doch erstens hat Strawinsky nur einen Bruchteil der heute bekannten Vivaldi-Konzerte gekannt Und dass der Venezianer zweitens ein langweiliger Mensch war, kann man beim besten Willen nicht behaupten - ganz im Gegenteil: Vivaldis Leben war so spannend, dass es durchaus mit der Biographie eines "Amadeus" mithalten kann. Und tatsächlich erschien bekanntlich vor einigen Jahren ein reißerischer Vivaldi-Roman mit dem Titel "Der rote Priester" von Venedig" aus der Feder des Amerikaners Jim Cros, der die Brüche im Leben des Komponisten gehörig in Szene setzt.

"Der rote Priester" ist natürlich der (rothaarige) Vivaldi selbst, dessen Eltern schon früh eine geistliche Laufbahn für den kleinen Antonio vorsahen. Doch trotz der kirchlichen Schulung machte sich bei ihm bald die wahre Berufung bemerkbar. Bereits in früher Jugend komponierte Vivaldi mit leichter Hand, und er zeigte eine bemerkenswerte Begabung für die Violine. Um mehr Zeit für die Musik zu haben, ließ er sich bei seinen geistlichen Vorgesetzten vom lästigen Messelesen befreien - offiziell aus gesundheitlichen Gründen, die ihn aber nicht davon abhielten, in umjubelten Konzerten öffentlich seine Virtuosität auf der Geige zur Schau zu stellen. Bald war Vivaldi eine venezianische Attraktion, von der viele Venedigreisende des 18. Jahrhundert in Briefen und Tagebüchern ausführlich berichteten. Er wurde Lehrer in einem Waisenhaus für unehelich geborene Mädchen, und viele seiner Konzerte hat er für diese Schülerinnen geschrieben. Darüber hinaus betätigte sich Vivaldi auch als Opernunternehmer, behauptete sich erfolgreich im Dschungel der Theaterintrigen, ging eine Liaison mit einer von ihm geförderten Opernsängerin ein, bis ein Kardinal dem für einen Priester nicht gerade angemessenen Treiben ein Ende setzte.

Sein berühmtestes Werk, den Konzertzyklus "Die vier Jahreszeiten" schrieb Vivaldi, als er für kurze Zeit in den Diensten des Landgraf Philip von Hessen stand. Die Residenz dieses Adligen befand sich in Mantua, und die reizvolle Landschaft in der Umgebung des norditalienischen Städtchens hat den Komponisten zu einem großen Naturgemälde angeregt.

Die vier Konzerte malen ein fröhliches Bild vom Jahreslauf. Obwohl der Komponist zum besseren Verständnis der Musik vier Gedichte beigefügt hat, sprechen die Instrumente - eine Solovioline und Streichorchester - auch ohne diese Erklärung eine deutliche Sprache: Fröhlich jubilierend begrüßen die Vögel den Frühling, begleitet vom Gemurmel der Bäche und nur kurz gestört von einem plötzlich dreinfahrenden Gewitter - gefolgt von Hirtenidylle und Nymphenreigen. Im Sommer mit seiner großen Hitze wechseln Bilder von lastender Schwüle und sausenden Sommerstürmen. Heiterem Landleben dagegen ist der Herbst gewidmet: Die Bauern feiern die Ernte, in den "wackligen" Figuren in der Musik sieht man förmlich die Betrunkenen, die im langsamen Satz ihren Rausch ausschlafen. Danach sind Jagdfanfaren zu hören. Der Winter ist drastisch geschildert: Harte, eckige Figuren erzeugen das Gefühl von Kälte, man hört förmlich das Zähneklappern der Menschen, die sich in die Ecke neben den Kamin zurückziehen.