Johann Sebastian Bach und seine Söhne
Dieser Text entstand als Programmheftbeitrag für ein Konzert der Brühler Schlosskonzerte

© Oliver Buslau

Das Jahr 1750 trennt nicht nur das 18. Jahrhundert in zwei Hälften, es ist auch kulturgeschichtlich geradezu symbolisch: Am 28. Juli starb in Leipzig mit Johann Sebastian Bach der letzte große Barockkomponist.

Was musikhistorisch nun folgte, war ein Zeitabschnitt, für die die Musikwissenschaft keine richtige Bezeichnung besitzt: Zwei, drei Jahrzehnte lang gärte es in der europäischen Musiklandschaft - und es gärte, ohne dass die damaligen Zeitgenossen wissen konnten, dass um 1780 aus den verschiedenen ästhetischen Strömungen mit Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart eine neue Epoche namens "Klassik" beginnen würde. Selbst diesen beiden Meistern war nicht klar, dass sie "Klassiker" waren; erst das 19. Jahrhundert hat in seiner Rückschau diesen Begriff auf Haydn, Mozart und Beethoven angewandt.

So bleibt den Musikwissenschaftlern nichts anderes übrig, einen eher hilflosen Ausdruck zu verwenden: Die Jahre 1750 bis 1780 werden heute als "Vorklassik" bezeichnet. Viele der Strömungen, die diese Vorklassik prägten, finden sich in den Werken von Bachs direkten Nachkommen. Im Schaffen seiner Sohne Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel, Johann Christoph Friedrich und Johann Christian.

Dass gerade die Söhne des großen Johann Sebastian, der ja seit seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert als Übervater der Musik schlechthin gilt, noch federführend für die Entwicklung der nächsten Epoche waren, steigert die transzendente Aura, die den Namen Bach umgibt.

Überblickt man den Stammbaum des Leipziger Thomaskantor, dann zeigt sich aber, dass bereits in der Familie bereits in den Generationen vor ihm der Musikerberuf vorherrschend war. Beim Phänomen Bach hat man es eben nicht nur mit einer einzigen wichtigen Person der Musikgeschichte zu tun. Bis ins 16. Jahrhundert haben Forscher die Wurzeln der Familie Bach zurückverfolgt. Damals lebte der Stammvater der Familie, ein gewisser Veit (oder Vitus), der allerdings kein Musiker, sondern Bäcker war. 1545 traf ihn ein hartes Schicksal: Er musste vor der Verfolgung der Protestanten aus seiner mährischen Heimat fliehen und ließ sich in der Nähe von Gotha nieder - also in der Region, in der noch Johann Sebastian wirken sollte.

Schon bei ihm soll die Hausmusik neben dem handwerklichen Alltag eine große Rolle gespielt haben. Sein Sohn Johannes wird in der Familiengeschichte bereits als "Spielmann" geführt, obwohl er es sich noch nicht leistete, den vom Vater ererbten Beruf aufzugeben. Erst die Söhne machten als professionelle Musiker Karriere, und ihre Linie führt direkt zu einem gewissen Johann Ambrosius, Stadtmusikus in Erfurt, später in Eisenach. Er war der Vater Johann Sebastian Bachs. Insgesamt hat die Familie mehr als 70 Musiker aufzuweisen; der letzte musikalisch bedeutende Vertreter der "Bache" - Wilhelm Friedrich Ernst, der Sohn von Johann Christoph Friedrich - starb 1845 in Berlin.

Es scheint, als habe sich der Universalismus Bachs auch auf geheimnisvolle Weise genetisch niedergeschlagen. Allerdings kann man wegen der engen Verzahnung mit musikalischen Vor- und Nachfahren kein Urteil darüber abgeben, inwieweit musikalische künstlerische Begabung vererbbar ist. Denn wer will entscheiden, was stärker auf die vielen Musiker der Bach-Familie in ihren jungen Jahren gewirkt hat: Die sie umgebende Musik, mit der sie aufwuchsen und deren Prinzipien sie sozusagen mit der Muttermilch eingeflößt bekamen? Oder irgendeine natürliche Veranlagung, die ihnen "im Blut" lag?

Die letztere Vermutung ist schwer zu begründen, zumal man dabei von einem rein vom Vater vererbten Talent ausgehen müsste: Johann Sebastian Bach war nämlich zwei Mal verheiratet - das erste Mal zugegebenermaßen mit einer (nach der Vererbungstheorie musikalisch ebenfalls erblich belasteten) weitläufig Verwandten: 1707 ehelichte er Maria Barbara, eine Cousine zweiten Grades, die 1720 starb. Sie war die Mutter der Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel. 1721 heiratete er Anna Magdalena, die unter anderem Johann Christian und Johann Christoph Friedrich Bach zur Welt brachte.

Die stilistischen Wandlungen, die die Musik von Johann Sebastian Bach aus durch die Frühklassik durchlief, lassen sich auf kammermusikalischem Gebiet sehr gut anhand der Gattung der Sonate verfolgen: Übersetzt man das Wort "Sonate" ins Deutsche, dann bekommt man einen ganz bescheidenen Begriff: Sonate stammt aus dem Wort italienischen "Sonata", das wiederum auf dem Verb "sonare" ("klingen") fußt. So ist die "Sonate" also nichts anderes als ein "Klingstück" - nicht gerade ein origineller Ausdruck, denn schließlich, so glaubt man, trifft diese Bezeichnung ja auf jedes musikalische Werk zu. So einfach ist die Sache jedoch nicht. Im italienischen Frühbarock, als sich die Bezeichnung "Sonata" zu etablieren begann, brauchte man einen Begriff, um die sich langsam entwickelnde unabhängige Instrumentalmusik von der Vokalmusik zu unterscheiden. So wurde die Sonate zum Gegenstück zur gesungenen Kantate (von "cantare" = "singen"), die man deswegen als "Singstück" bezeichnet.

Als die Sonate um 1700 ihre erste Blüte erlebte, war sie zur Galionsfigur der barocken Kammermusik geworden: Der überall in Europa als Vorbild anerkannte Italiener Arcangelo Corelli hatte ihre äußeren Bedingungen festgelegt, unter denen sie komponiert wurde - und zwar formal wie besetzungstechnisch. Seine Sonaten waren 4-sätzig mit der Satzfolge langsam, schnell, langsam, schnell. Waren die schnellen Sätze kontrapunktisch oder sogar fugiert gehalten, die langsamen dagegen von erhabenem Charakter, nannte man das Ergebnis "Kirchensonate". Ähnelten die einzelnen Teile eher Tanzsätzen, dann hatte man es mit einer "Kammersonate" zu tun. Wurde ein Soloinstrument vom Continuoapparat (Bass- und Akkordinstrument) begleitet, dann spracht man von einer Solosonate. Waren es zwei Instrumente die zum "Generalbass" kamen, dann hatte man eine Triosonate vor sich (obwohl durchaus mehr als drei Spieler daran beteiligt waren; der Basso continuo wurde als ein Part angesehen).

Johann Sebastian Bachs Flötensonaten (man beachte etwa den tänzerischen "Siciliano"-Satz in BWV 1035) sind nach dieser Einteilung Solo-Kammersonaten. Doch schon mit der 3-sätzigen, melodisch eingängiger gehaltenen Flötensonate von Wilhelm Friedemann wandelt sich das Bild, das auch bei den anderen Söhnen immer weiter weg vom kontrapunktischen Ernst des Vaters hin zu rokokohafter Leichtigkeit streben wird - verbunden mit der Loslösung vom Generalbassprinzip. So steht bei Johann Christian der Soloflöte kein Basso continuo mehr gegenüber, sondern ein "obligates" ("unabdingbares") Cembalo, dessen Part präzise durchkomponiert ist und das nicht durch ein x-beliebiges Akkordinstrument ersetzt werden kann.

Wilhelm Friedemann Bach war Johann Sebastians große Hoffnung. Als der er neun Jahre alt war, legte der Vater ein "Klavierbüchlein für Friedemann" an, in dem er eigene kleine Klavierstücke sammelte, die insgesamt (noch heute!) eine Klavierschule für den Nachkömmling ergeben. Friedemann besuchte wie seine jüngeren Brüder die Universität, wo er Jura, Mathematik und Philosophie studierte. Darüber hinaus ließ ihm Johann Sebastian eine gute Ausbildung im Violinspiel angedeihen. Als 23-Jähriger war aus dem ältesten Bach-Sohn ein Orgelvirtuose geworden, der das Zeug dazu hatte, die Organistenstelle an der Sophienkirche in Dresden anzutreten. Später folgte eine Stelle als Kantor in Halle, die er nach dem Tod des Vaters plötzlich und ohne erkennbare Gründe kündigte. Später geriet Friedemann Bach aus der Bahn: In Berlin versuchte er sich als freier Musiker durchzuschlagen; er starb 1784 in Armut und fast vergessen. Die Nachwelt versuchte, ihn zu einem frühen Originalgenie zu stilisieren. Der höchst kitschige Roman "Friedemann Bach" von Erwin Brachvogel aus dem Jahre 1858 ist ein interessantes Dokument dafür.

Wenn man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts "Bach" sagte, meinte man Carl Philipp Emanuel. Er übertraf an Popularität seinen Bruder wie auch seinen nach 1750 bald vergessenen Vater. Er entwickelte sich zum aufsehenerregendsten Cembalo-Virtuosen seiner Zeit, der sich aber auch der damaligen Frühform des Klaviers - dem sogenannten Hammerflügel - intensiv widmete. 1740 wurde Carl Philipp Emanuel Bach Kammercembalist am Hofe des preußischen Prinzen Friedrich, dem späteren König Friedrich II. Fundamentale Wirkungen hatten nicht nur seine Kompositionen, in denen sich bereits frühromantische Expressivität anzukündigen beginnt, sondern auch seine Klavierschule, nach der noch Ludwig van Beethoven sein Instrument lernte. Dieser "Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen" ist noch heute eine wichtige Quelle zur Musik des 18. Jahrhunderts. Carl Philipp Emanuel Bach, der nicht nur Klavierwerke, sondern auch Sinfonien, Sonaten und Kirchenmusik schrieb, ging 1768 nach Hamburg, wo er 20 Jahre später starb. Mozart, als Pianist ebenfalls von Carl Philipp Emanuel beeinflusst, schrieb über ihn: "Er ist der Vater, wir die Bub'n. Wer von uns was Rechtes  kann, hat von ihm gelernt".

Johann Christoph Friedrich Bach besitzt den Beinamen "Bückeburger Bach", weil er mit 18 Jahren als "Hochgräflich Schaumburg-Lippischer Cammer Musicus" und dann als Konzertmeister in den Dienst des Grafen Wilhelm zu Bückeburg kam. Sein Werk umfasst Oratorien, Kantaten, Sinfonien, Opern und Kammermusik. Im selben Jahr wie Haydn geboren, erreichte er bei weitem nicht dessen Experimentierlust und wird von den Bach-Söhnen als der "Durchschnittlichste" (Peter Rummenhöller) angesehen.

Das sieht bei Johann Christian Bach ganz anders aus: Als der übermächtige Vater starb, war er fünfzehn Jahre alt. Er kam in die Obhut seines Bruders Carl Philipp Emanuel, als dieser am preußischen Hof tätig war. Hier lernte Johann Christian eine Musik kennen, der der Vater wie auch die älteren Brüder eher misstrauisch gegenüber gestanden haben: Die italienischen Oper mit ihren ganz und gar auf Virtuosität und kompositorischer Transparenz ausgerichteten Melodien. Auch in Dresden hat es die damals ultramoderne italienische Oper gegeben. Johann Sebastian hat ihren Stil als "schöne Liederchen" abgelehnt. Johann Christian dagegen war von allem italienischen so begeistert, dass er als 19-Jähriger mit einer italienischen Sängerin aus Berlin floh und als erster der Bachfamilie die Alpen überquerte. In Bologna und Mailand lernte er den italienischen Stil aus erster Hand kennen. Um in dem südlichen Land Karriere machen zu können, tat er einen entscheidenden Schritt: Er trat 1760 zum katholischen Glauben über. In Turin und Nepal sorgte er mit eigenen Opern für Furore. 1762 ging er nach London, wo er in die Dienste der englischen Königin trat. Johann Christian Bach bildet am deutlichsten die Brücke zum galanten frühklassischen Stil. 1764 freundete er sich mit dem damals 8-jährigen Mozart an, gab dem jungen Kollegen wichtige Anregungen für dessen erste Sinfonien, die deutlich die Handschrift Johann Christian Bachs tragen. Auch in späteren Kompositionen Mozarts sind interessante Übereinstimmungen zu Werken des jüngsten Bach-Sohnes, der 1782 starb, feststellbar.